Smart City befeuert als Schlagwort die öffentliche Diskussion und jede Menge Branchenforen in der Energie- und Wohnungswirtschaft wie auch im IT-Umfeld. Unter dem Begriff kann jedoch Unterschiedliches verstanden werden: von intelligenter Müllabfuhr, über Heizungssteuerung bis hin zu verkehrszählenden Straßenlaternen.
Was die Zukunft bringt und was sich beim Kunden durchsetzen wird, darüber lässt sich spekulieren. Vor allem, wenn man weitere Schlagworte wie Energiewende, Mobilitätswende und Klimaschutz in den Diskurs mit einbezieht. Aktuell und interessant ist daher vor allem die Frage: Was können und was müssen wir heute tun, damit unsere Städte überhaupt smart werden können?
Um dieses Thema möglichst konkret zu machen, möchte ich es aus Sicht der Immobilienwirtschaft sowie, der Energie- und Versorgungswirtschaft betrachten.

Immobilienwirtschaft und Energieversorgung rücken zusammen

Die Energiewende hat ein rechtliches Umfeld geschaffen, das zunehmend vielschichtig ist. Denken wir nur an das Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz, das Kraft-Wärme-Kopplungs-Gesetz, die Energieeinsparverordnung, das Erneuerbare-Wärme-Gesetz oder das Mieterstromgesetz. Zielsetzungen wie „bezahlbarer Wohnraum“ bei gleichzeitiger „Erreichung der Klima- und Nachhaltigkeitsziele“ zeigen das so geschaffene Spannungs- und Arbeitsfeld.
Vor allem im Immobiliensektor lohnt es sich jetzt, Zeit in nachhaltige Lösungen zu investieren. Schließlich sollen die Gebäude, die heute gebaut werden, 40 Jahre und länger genutzt werden können. Und das bedeutet, dass auch die Infrastruktur die Voraussetzungen hierfür bereithalten muss. Sie ist Chance und Limit für die Nutzung der Zukunft.
Den größten Hebel für Klima und Wirtschaftlichkeit haben wir im Bereich der Wärmeversorgung.
35 Prozent der Endenergie werden aktuell im Gebäudebereich verbraucht – für Raumwärme, Prozesswärme und Warmwasser. Dabei fallen bei der Wärmeerzeugung fast so viele Treibhausgase an wie auf dem gesamten Strommarkt!

Noch nie war Stadtentwicklung so eng verbunden mit nachhaltiger Medien-, Energie- und Wärmeversorgung sowie umfangreicher CO₂-Einsparung.

Vernetzte Infrastrukturlösungen – Voraussetzung für Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit – und smart Cities

Bei der Entwicklung von Quartierslösungen kommen unterschiedliche Interessen zusammen. Kommunen möchten attraktiver und nachhaltiger werden. Immobilienentwickler haben Renditevorstellungen und klare Ideen wie wertiger Wohnraum aussehen soll. So startet man häufig mit 100 Prozent Photovoltaik-Aufdachanlagen und Elektrolademöglichkeiten in den Tiefgaragen und endet mit Dachgärten und zwei Wallboxen in der Tiefgarage. Allein die Ausrüstung mit Glasfaser, idealerweise bis in die Wohnung, ist meist unstrittig. Stromversorgung und Wärmelösungen entwickeln sich anhand der Umfeldfaktoren, aber auch der Wirtschaftlichkeit. Hier setzen wir auf eine dezentrale Versorgung sowie die optimale Nutzung regenerativer Energien. Es gibt viele Kombinationen aus Erdwärme, solarer Wärme, Photovoltaik, Wärmepumpen oder Blockheizkraftwerken, um nur einige zu nennen. Zusammen mit unseren Kunden wollen wir die optimale Lösung für das jeweilige Projekt finden. Die ZEAG Energie AG plant und realisiert solche Lösungen im Rahmen von Mieterstrommodellen in Verbindung mit Energieliefercontracting. So entstehen smarte Lösungen – auch unter Finanzierungsaspekten.

Echte Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit – das lässt sich bei der Quartiersentwicklung nur mit einer intelligent vernetzten Infrastruktur lösen.

Neckarbogen Heilbronn – ein ausgezeichnetes Quartiersprojekt

Genug Theorie. Schauen wir uns doch ein konkretes Beispiel an. Das Areal Neckarbogen in Heilbronn. Seit Anfang 2019 leben hier – auf dem Gelände der Bundesgartenschau in Heilbronn – rund 800 Menschen. In den nächsten 10 Jahren wird die Zahl der Bewohner auf rund 3.500 anwachsen. Dieses preisgekrönte Quartier zeichnet sich insbesondere durch folgende Merkmale aus:

  • Hocheffiziente Wärme

In enger Abstimmung mit den Beteiligten wurde eine dezentrale Wärmeversorgung auf Basis von Blockheizkraftwerken realisiert. So produzieren wir den Strom dort, wo er verbraucht wird und speisen gleichzeitig die Wärme, die bei der Stromerzeugung entsteht, in unser Nahwärmenetz ein – und leiten sie über Wohnungsstationen direkt bis in die Wohnung. Darüber hinaus wurden die Wärme-Pufferspeicher in den Gebäuden überdimensioniert, um auch für die Zukunft Flexibilität in der Strom- und Wärmeversorgung zu ermöglichen. Zur Abrundung wurde eine Batterie in das Betreiberkonzept integriert. Das Ergebnis: ein Primärenergiefaktor von 0,48.
Durch das Versorgungskonzept wird außerdem erreicht, dass Legionellen in der Versorgung der Gebäude keine Rolle spielen dürften. Auf PV-Aufdachanlagen und Solarthermieanlagen wurden zugunsten von Dachgärten verzichtet.

  • Digitalisierung

Das Thema Digitalisierung gehen wir mit einem Glasfasernetz an, dass bis in die Wohnungen reicht. Ein wichtiger Baustein für den modernen Medienkonsum ist die Nutzung der Cloud oder Smart Home.

  • Intelligente öffentliche Beleuchtung

Auf dem Gelände der BUGA kommen Multifunktionsstelen zum Einsatz. Das sind hochmoderne LED-Lichtmasten mit Glasfaseranschluss und WLAN-Modul. Je nach Standort werden die Stelen mit weiteren Anwendungen ausgerüstet, von Kameras über Bewegungsmelder bis hin zu Messinstrumenten. Eine solche Technik verändert natürlich die Anforderungen an Installation und Betrieb, bringt aber neben hoher Effizienz einen deutlichen Mehrwert und Sicherheit ins Quartier.

  • E-Mobilität

Wie viele Stellplätze sollten jetzt mit Ladestationen ausgerüstet werden? Wieviel Leistung sollte beim Netzbetreiber angemeldet werden? Wie sinnvoll ist es, Carsharing zu integrieren?
Wir bieten Konzepte, die mit den Anforderungen der Kunden mitwachsen und so den Wandel hin zu mehr E-Mobilität ideal begleiten. Für die BUGA werden in Kooperation mit Audi umfangreiche Lademöglichkeiten realisiert, unter anderem ein Solar-Carport. 

Smart City – der Anfang ist vor dem Anfang

Jedes Quartier ist anders – sowohl von den räumlichen Gegebenheiten, der Nutzung und auch den Interessenlagen der Investoren. Intelligente, nachhaltige und wirtschaftliche Lösungen haben jedoch eines gemeinsam: Es muss vernetzt gedacht werden. Nur vernetzt gedachte Infrastrukturen führen zu Lösungen, die in Zukunft mehr Chancen als Begrenzungen haben.

Der dargestellte Quartiersansatz ist aus Sicht der Infrastruktur ein Angang an das Gesamtbild einer „Smart City“. Smart City Konzepte müssen weit vor der Erstellung eines städtebaulichen Bebauungsplanes begonnen werden. Allein die Vernetzung der oben angesprochenen Themen ist organisatorisch eine gewichtige und nicht zu unterschätzende Aufgabe, da sie eine hohe fachliche Kompetenzen für die Projektierung und den Bau der einzelnen Infrastrukturteile erfordert, eine enge Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Sparten voraussetzt sowie eine optimale Unterstützung durch Unternehmenscontrolling, Recht und Finanzen benötigt.

 

Über den Autor:

Claus Flore ist Leiter Unternehmensentwicklung, Kommunikation und Erzeugung bei der ZEAG Energie AG in Heilbronn. Unter anderem verantwortet er den Aufbau und die Führung des Bereichs Quartiersentwicklung. Seit 2013 bündelt die ZEAG Energie AG ihr umfassendes Know-how, um einen innovativen integrierten Versorgungsansatz für Stadt- und Industriequartiere zu bieten. Inzwischen ist das Unternehmen im süddeutschen Raum führend in der Quartiersentwicklung und wurde mehrfach prämiert für richtungsweisende Lösungen. Claus Flore ist darüber hinaus Experte für Wasserstoffsysteme und unter anderem aktiv in dem Forschungsprojekt H2ORIZON – einer Kooperation von ZEAG Energie AG und dem Deutschem Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR).