Ein Gastbeitrag von Martin Vesper, CEO der digitalSTROM AG.
Die Energiewelt hat sich verändert, denn die Produktion der Erneuerbaren ist deutlich günstiger geworden. Die Kosten für Solarpanel und Windkraftanlagen sinken, sodass sie wettbewerbsfähig werden oder es bereits sind. Doch nicht nur direkte Veränderungen sorgen für Wandel. Die Schlagwörter „Internet der Dinge“, „Cloud Computing“ und „kognitive Systeme“ hört man häufig – die globale Dimension dahinter wird aber oftmals unterschätzt. Insbesondere die Vernetzung von Geräten und Maschinen, also die Entstehung des Internet of Things, sowie die Vernetzung aller Menschen birgt ein enormes disruptives Potenzial.

Am eindrucksvollsten lässt sich das Veränderungspotenzial anhand zweier Videos vor Augen führen:

Der erste Beitrag zeigt ein kognitives System: „Supercomputer“ eignet sich durch Einlesen von Dokumenten enormes Wissen an. Watson studiert etwa die Archive der New York Times, die Bibel oder komplette Lexika. Er ist so in der Lage komplexe Fragen extrem schnell zu beantworten; seine menschlichen Kontrahenten schlägt Watson im TV-Quiz mühelos.

Im zweiten Video interagieren vernetzte Maschinen wie ein regelrechtes Team von Athleten. Die 16, sehr sehenswerten Minuten des Videos „sporting machines“ verdeutlichen das enorme Potenzial von Vernetzung in Kombination mit Videoverarbeitung.

Die beiden Beispiele zeigen: Die Vernetzung ist da, die Veränderung, die damit einhergeht auch. Und das heißt ganz praktisch: Das, was Watson leistet, steht jedem Menschen über ein Smartphone zur Verfügung, ebenso jeder Maschine, sobald diese vernetzt ist. Im Smart Home sind das etwa Leuchten, Jalousien, Heizungen oder Küchengeräte. Mit digitalSTROM werden solche Geräte durch intelligente Lüsterklemmen vernetzt und so Teil des Internet of Things. Als Hersteller dieser Klemmen vernetzen wir jeden Tag mehr und mehr Geräte und Häuser.

Also: Die dezentrale Energieerzeugung bei den Kunden ist möglich und „angekommen“, hochintelligente Algorithmen auf Basis kognitiver Systeme und Cloudcomputing sind verfügbar und die Vernetzung von Geräten und Kunden nimmt immer weiter zu – und zwar zu sehr geringen Grenzkosten.

Doch was bedeutet das für die Energiewelt? Energie wird immer benötigt. Die Modelle, wie sich damit Geld verdienen lässt, werden sich jedoch radikal ändern. Dazu ein Beispiel aus einer anderen Branche: 2012 wurden zehn Prozent aller Bilder fotografiert, die von Anbeginn der Fotografie gemacht wurden – so viele wie niemals zuvor. Im gleichen Jahr meldete Kodak als Erfinder der Massen- und Digitalfotografie Insolvenz an. Der Unternehmenswert von Instagram stieg zeitgleich auf ein Niveau, das Kodak niemals erreichte. Kodak beschäftigte gegen Ende 12.000 Mitarbeiter, Instagram damals 900. Kodak lebte davon, wie Menschen Bilder machen und entwickeln; Instagram hat die Art und Weise verändert, wie man Bilder mit anderen teilt und ihnen zeigt. Genau diese Beziehungen haben heute den Wert. Nicht die Kamera, nicht der Ausdruck – schlicht die Plattform der Verteilung und die Beziehungen der Teilnehmer zählen.

Wie sieht also das „Instagram der Energie“ aus und wie lange kann „die Kodak der Energie“ noch überleben? Können sich bestehende Unternehmen überhaupt derart wandeln und wenn ja, wie? Genau mit diesen Fragen sieht sich die Energiewirtschaft konfrontiert. Unternehmen müssen also prüfen, wie viel sie in die Beziehungen zum Kunden investieren und wie viel sie für reine „Abwicklung“ ausgeben. So werden heute noch enorme Mengen für eigene Abrechnungssysteme investiert, weil hier ein Mehrwert vermutet wird. Das Gegenteil ist der Fall, denn es behindert die Fokussierung auf die Beziehungen. Die ganze Abrechnung ließe sich letztendlich digital und end-to-end über ein Smartphone darstellen.

Viel wichtiger ist der Dialog mit dem neuen „Prosumer“ und Kunden: Werden beispielsweise Social Media-Gruppen genutzt, um nah am Prosumer zu sein und dabei datenschutzrechtlich einwandfreie Informationen zu gewinnen und nutzen zu dürfen, die zur weiteren Optimierung von Services, Angeboten und Kooperationsmodellen beitragen? Kennen Anbieter ihre Kunden, die in vernetzten Häusern leben und bieten sie ihnen Services wie etwa Lastmanagement an und das ohne Mehraufwand? Und wurde dazu bereits ein Cloud-Service gebucht, der die laufende Optimierung übernimmt?

Mein Fazit: Die vollständige Vernetzung kommt. Derzeit ist die Energieindustrie noch durch träge und lokale Regulierung geschützt. Dieser Zustand wird jedoch nicht so bleiben. Die Technologien entwickeln sich so schnell und massiv, dass die alten Schutzmechanismen nicht halten werden. Das hat die Diskussion um die Kernenergie sehr deutlich gezeigt.

Über den Autor:

KP-Blog-Vesper-LS-01Seit September 2011 ist Martin Vesper CEO des deutsch-schweizerischen Smart Home-Anbieters digitalSTROM. Zuvor war er 10 Jahre in der Unternehmensspitze von Yello Strom tätig, um als Geschäftsführer die Marke Yello als kundenorientiertes Unternehmen im liberalisierten Energiemarkt zu stärken. Daneben war Vesper Bereichsvorstand B2C-Operations bei der EnBW Energie Baden-Württemberg AG und leitete das Business Network „Privat- und Gewerbekunden“ der Electricité de France, Paris. Er gilt als Experte für smarte Produkte, Prozesse, Energie, optimale Kundenorientierung und starke Marken. Quelle Foto: www.digitalstrom.com


 

Links und Lesetipps:

digitalSTROM AG, Das Smart Home wird immer intelligenter – Über das disruptive Potenzial der Vernetzung. Whitepaper, 2014.

Hawkins, Donald T., Personal Archiving – Preserving our digital heritage. 

How Instagram took over the world in just three years. The Telegraph, 6. Oktober 2013.

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